Immer mehr Berliner Kinder leiden unter Long Covid. Die Eltern sind auf sich allein gestellt. Es fehlt an spezialisierten Ärztinnen und Ärzten, medizinischer Unterstützung zu Hause sowie klaren Anlaufstellen. Ein Verein fordert dringend eine Fachpraxis, doch bislang bleibt jede politische Unterstützung aus.
Inhaltsverzeichnis:
- Marlene Bothe aus Berlin-Friedrichshain kann seit einem Jahr nicht mehr nach draußen
- Verein „NichtGenesenKids“ meldet Versorgungslücken bei über 6.000 betroffenen Kindern
- Keine Fachpraxis, kein Hausbesuch – Politik sieht keinen Handlungsbedarf
- Eltern bleiben auf sich allein gestellt
- Die wichtigsten Fakten im Überblick
Marlene Bothe aus Berlin-Friedrichshain kann seit einem Jahr nicht mehr nach draußen
Die 14-jährige Marlene Bothe leidet seit drei Jahren an einer schweren Form von Long Covid – dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Seit ihrer Corona-Infektion ist sie bettlägerig. Ihre Kraft reicht höchstens für kurze Wege ins Badezimmer. An besonders belastenden Tagen müssen ihre Eltern sie sogar tragen. Das letzte Mal verließ sie ihre Wohnung vor über einem Jahr – für weniger als zehn Minuten.
Jeder Versuch, körperlich aktiv zu werden, führt zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch. Diese sogenannten „Crashs“ können den Zustand wochenlang verschlechtern. Für Marlene ist selbst der Blick aus dem Fenster zu anstrengend. Sie hört Kinder auf dem Spielplatz und wünscht sich, wieder dort zu sein.
Verein „NichtGenesenKids“ meldet Versorgungslücken bei über 6.000 betroffenen Kindern
Laut Schätzung des Berliner Vereins „NichtGenesenKids“ sind etwa 6.000 Kinder und Jugendliche in der Hauptstadt von Long Covid betroffen. Viele können weder zur Schule gehen noch ihre Wohnungen verlassen. Eine spezialisierte kinderärztliche Versorgung existiert nicht. Betroffene Eltern berichten, dass keine Praxis individuelle Therapiepläne erstellt.
Silke Heiduk-Bothe, Marlenes Mutter, beschreibt den Alltag als ständige Suche nach Lösungen. Sie und ihr Mann übernehmen die Pflege im Wechsel. Medikamente, die manchmal helfen, sind oft nicht offiziell zugelassen. Jede Behandlung gleicht einem Experiment. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr brachte ein Nikotinpflaster kurzzeitig Besserung, doch der Erfolg war nicht von Dauer.
Keine Fachpraxis, kein Hausbesuch – Politik sieht keinen Handlungsbedarf
Der Verein fordert eine eigene Long-Covid-Fachambulanz für Kinder. Doch in Berlin gibt es bisher nur eine Hochschulambulanz an der Charité – ohne spezialisierten Hausbesuch oder kindgerechte Betreuung. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Berlin (KVB) sollen Betroffene weiter Haus- oder Kinderärzte konsultieren.
KVB-Vorstand Burkhard Ruppert erklärte, das bestehende System sei ausreichend. Patientinnen und Patienten könnten sich über die Telefonnummer 116117 informieren und an geeignete Praxen weitergeleitet werden. Eine neue Einrichtung sei nicht geplant. Die KVB verweist auf ein freiwilliges Netzwerk mit 124 Ärztinnen und Psychotherapeuten – ohne öffentliche Liste der Beteiligten.
Eltern bleiben auf sich allein gestellt
Für Marlenes Familie ist das kein gangbarer Weg. Sie wünschen sich eine feste, erfahrene medizinische Ansprechperson. Solange es keine spezialisierte Anlaufstelle gibt, bleibt nur die Selbsthilfe. Eltern tauschen sich über Medikamentenerfahrungen aus, recherchieren Tag für Tag – und hoffen auf Besserung.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Rund 6.000 Berliner Kinder leiden laut Verein „NichtGenesenKids“ an Long Covid.
- Es gibt keine kinderärztliche Fachpraxis für diese Erkrankung.
- Die Charité bietet nur eine freiwillige Austauschplattform an.
- Die KVB verweist auf Hausärzte, obwohl viele überfordert sind.
- Eine Long-Covid-Ambulanz für Kinder wird dringend gefordert – bislang ohne Erfolg.
- Für Marlene und viele andere Kinder bleibt der Alltag im Bett. Eine medizinische Perspektive fehlt.
Quelle: RBB24