Abhängige Menschen in Deutschland sollen künftig mehr Zeit für eine ambulante Psychotherapie erhalten. Die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses betrifft Millionen Betroffene. Besonders im Fokus stehen Alkohol, Medikamente und Cannabis.
Inhaltsverzeichnis:
- Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses
- Kritik von Gebhard Hentschel
- Einschätzung von Bernhard van Treeck
- Zahlen zu Alkohol, Medikamenten und Cannabis
- Einschätzung der Bundesregierung
Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses
Der Gemeinsame Bundesausschuss hat beschlossen, dass ambulante Psychotherapie für Abhängige künftig bis zu 24 Sitzungen umfassen darf. Bisher lag die Obergrenze bei nur 10 Stunden. Nach den neuen Richtlinien können Patientinnen und Patienten zunächst 12 Sitzungen beanspruchen. Falls die Abstinenz danach noch nicht erreicht wird, aber realistisch erscheint, sind weitere 12 möglich.
Die Regelung gilt für alle psychotropen Substanzen. Dazu zählen Alkohol, Medikamente sowie Drogen wie Cannabis. Ausgenommen sind lediglich Tabak, Nikotin und Koffein. Der Ausschuss reagierte damit auch auf die Legalisierung von Cannabis in Deutschland.
Kritik von Gebhard Hentschel
Gebhard Hentschel, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung, äußerte deutliche Zweifel. Er kritisierte, dass die neue Regelung weit hinter den Möglichkeiten moderner Psychotherapie zurückbleibe. Besonders problematisch sei die Pflicht, schon innerhalb der 24 Stunden vollständige Abstinenz nachzuweisen. Fachlich sei es oft schon ein Fortschritt, den Konsum zu reduzieren.
In der Beratung des Gemeinsamen Bundesausschusses gab es zudem Diskussionen über die Wirksamkeit bei Schwerstabhängigen. Experten bezweifeln, dass innerhalb von 12 oder 24 ambulanten Sitzungen ein Entzug erreichbar ist.
Einschätzung von Bernhard van Treeck
Das unparteiische Mitglied des Gremiums, Bernhard van Treeck, stellte klar, dass Psychotherapie nicht in jedem Stadium der Abhängigkeit sinnvoll ist. Bei schweren Suchterkrankungen sei ein vorheriger Entzug in einer Klinik meist unumgänglich. Erst danach könne eine ambulante Behandlung greifen.
Er wies auf zahlreiche ergänzende Angebote hin, die Betroffene zusätzlich nutzen können. Dazu zählen stationäre Programme, medizinische Behandlungen oder sozialpädagogische Hilfen.
Zahlen zu Alkohol, Medikamenten und Cannabis
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sind in Deutschland 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig. Weitere 2,9 Millionen zeigen einen problematischen Konsum von Medikamenten. Rund 1,3 Millionen Menschen konsumieren Cannabis oder illegale Drogen in problematischem Ausmaß.
- 1,6 Mio. Alkoholabhängige
- 2,9 Mio. Menschen mit riskantem Medikamentenkonsum
- 1,3 Mio. mit problematischem Konsum von Cannabis und illegalen Substanzen
Insgesamt sind also fast 6 Millionen Menschen in Deutschland direkt betroffen.
Einschätzung der Bundesregierung
Hendrik Streeck, der Beauftragte für Sucht- und Drogenfragen, betonte die gesellschaftliche Relevanz. Sucht sei kein Randthema. Sie betreffe Millionen Menschen und sei ein Prüfstein für das Gesundheits- und Sozialsystem.
Ob die neue Regelung den Betroffenen tatsächlich hilft, wird sich zeigen. Klar ist, dass zusätzliche Therapieplätze notwendig sind. Denn schon jetzt ist die Zahl der verfügbaren Plätze knapp. Wer jedoch Zugang findet, könnte künftig von einer längeren und individuelleren Betreuung profitieren.
Quelle: Tagesspiegel