In Deutschland steigt die Zahl der Menschen mit starkem Übergewicht seit Jahren deutlich. Betroffene sind nicht nur gesundheitlich belastet. Sie erleben oft auch gesellschaftliche Ausgrenzung. Besonders die Corona-Krise hat die Situation verschärft.
Inhaltsverzeichnis:
- Sabine Hacker aus München
- Matthias Riedl aus Hamburg
- Kinder und Jugendliche nach der Corona-Krise
- Lange Wartezeiten in Leipzig
- Sebastian Kruse und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft
- Folgen und Ausblick
Sabine Hacker aus München
Sabine Hacker wog vor zehn Jahren über 220 Kilogramm. Die heute 58-Jährige aus München berichtet, dass sie damals kaum das Haus verließ. Einkäufe machte sie nachts, um Spott zu vermeiden. Bus oder Bahn nutzte sie aus Angst vor Kommentaren nicht. Auch Schwimmbäder mied sie konsequent.
Zwei Operationen änderten ihr Leben. 2014 unterzog sie sich dem ersten Eingriff. Heute bringt sie 100 Kilogramm auf die Waage. Ihr Wunschgewicht hat sie nicht erreicht, doch sie akzeptiert ihren jetzigen Zustand. Mittlerweile tritt sie öffentlich auf, um über Adipositas aufzuklären. Sie engagiert sich stark für Betroffene aus Oberbayern.
Hacker gründete zusammen mit ihrem Mann 2021 den Verein „Adipositas-Hilfe München“. Alles begann mit einer Selbsthilfegruppe. Während der Pandemie organisierten beide Online-Sportangebote. Daraus entwickelte sich eine feste Struktur. Der Verein ist heute ein wichtiger Anlaufpunkt für viele Betroffene.
Matthias Riedl aus Hamburg
Der Diabetologe und Ernährungsmediziner Matthias Riedl warnt vor Abnehmspritzen. Diese seien zwar populär, aber gefährlich. In seiner Ambulanz in Hamburg beobachtet er Mangelernährung, Verlust von Muskelmasse und sogar Schäden am Augennerv.
Die gesellschaftliche Botschaft, schnell viel Gewicht zu verlieren, sieht er kritisch. Laut Riedl verstärkt dies den Druck auf Patienten. Psychische Belastungen nehmen dadurch zu. Vorurteile wie „faul“ oder „disziplinschwach“ begleiten die Erkrankten zusätzlich.
Sabine Hacker kennt solche Abwertungen. Beim Einkaufen hörte sie abfällige Kommentare. Sie entwickelte Strategien, um Diskriminierung zu vermeiden. Dennoch blieb die seelische Belastung lange groß.
Kinder und Jugendliche nach der Corona-Krise
Dorothea Brenninger vom 2019 gegründeten Zentrum „JumpaKids“ in Regensburg berichtet von einer Zunahme bei jungen Patienten. Viele Kinder mit Übergewicht schildern, dass ihre Probleme mit den Lockdowns begannen.
- Laut DAK-Kinder- und Jugendreport wurden 2023 rund 470.000 Kinder und Jugendliche mit Adipositas behandelt.
- Dies entspricht fast 5 Prozent aller 5- bis 17-Jährigen in Deutschland.
- Zwischen 2019 und 2021 stiegen die Zahlen deutlich an.
Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts von 2022 bestätigt diese Entwicklung. 26 Prozent von knapp 3.000 befragten Erwachsenen nahmen seit März 2020 zu. Besonders stark betroffen waren Menschen, die schon zuvor mit Übergewicht zu kämpfen hatten. Frauen und Jüngere hatten größere Schwierigkeiten, ihr Gewicht zu halten.
Brenninger berichtet von einem 14-jährigen Patienten mit 140 Kilogramm. Viele Kinder weinen im Zentrum wegen Hänseleien oder Mobbing. Sie schildern verbale Angriffe, Ausgrenzung und sogar körperliche Gewalt.
Lange Wartezeiten in Leipzig
Kerstin Meyer-Carius von der Tagesklinik des Klinikums St. Georg in Leipzig weist auf extrem lange Wartezeiten hin. Zwischen neun und zwölf Monate müssen Patienten derzeit warten. 2023 lag die Wartezeit noch bei vier Monaten. Der Bedarf an Behandlung hat sich also mehr als verdoppelt.
Die Zahl der Betroffenen wächst, doch die Kapazitäten sind begrenzt. Für viele Erkrankte bedeutet dies eine lange Phase ohne medizinische Hilfe. Gleichzeitig steigt das Risiko von Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Problemen.
Sebastian Kruse und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft
Erst seit 2020 wird Adipositas in Deutschland offiziell als Krankheit anerkannt. Darauf weist Sebastian Kruse, Geschäftsführer der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), hin. Diese Entscheidung des Bundestages führte zu einer höheren Zahl an Hilfesuchenden.
Um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden, startete die DAG gemeinsam mit der Deutschen Diabetes-Gesellschaft ein Ausbildungsprogramm für sogenannte Adiposiologen.
Wichtige Eckpunkte:
- Vermittlung des aktuellen Forschungsstands.
- Überblick über medikamentöse und nicht-medikamentöse Methoden.
- Schulung in interventionellen Verfahren.
In den vergangenen zwei Jahren absolvierten mehr als 300 Fachkräfte diesen Kurs. Laut Kruse ist das Interesse an der Fortbildung weiterhin hoch.
Folgen und Ausblick
Adipositas betrifft in Deutschland inzwischen Millionen Menschen. Die psychosoziale Belastung ist hoch und reicht von gesellschaftlicher Stigmatisierung bis zu gesundheitlichen Folgeschäden. Besonders Kinder und Jugendliche sind gefährdet.
Die Pandemie hat die Situation zusätzlich verschärft. Hilfsangebote wie Vereine, Selbsthilfegruppen oder spezialisierte Kliniken sind überlastet. Experten fordern mehr Kapazitäten und einen differenzierten Umgang mit Behandlungsmethoden.
Die Entwicklungen zeigen klar: Ohne langfristige Unterstützung und gezielte Prävention wird die Zahl der Betroffenen weiter steigen.
Quelle: Tagesspiegel