Steigende Kosten im deutschen Gesundheitssystem
Steigende Kosten im deutschen Gesundheitssystem, Foto: Pixabay

Die Gesundheitsausgaben in Deutschland steigen seit Jahren kontinuierlich. Neue Zahlen zeigen die Dimension der Kosten, die Bürger, Krankenkassen und Staat schultern müssen. Zugleich wird im europäischen Vergleich deutlich, dass Deutschland trotz hoher Summen nicht überall die besten Ergebnisse erzielt.

Inhaltsverzeichnis:

Statistisches Bundesamt zeigt Rekordwerte

Im Jahr 2022 wurden in Deutschland 497,7 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Das entspricht 5939 Euro pro Kopf. Der Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung lag bei 12,8 Prozent. Damit hat sich das Volumen der Ausgaben in 15 Jahren fast verdoppelt. 2007 lagen die Ausgaben noch bei 256,9 Milliarden Euro, was 3172 Euro pro Einwohner entsprach.

Auch die gesetzlichen Krankenkassen melden eine klare Steigerung. 2023 beliefen sich die Leistungsausgaben auf 288,6 Milliarden Euro. Das bedeutet ein Plus von 5,24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der größte Kostenblock entfiel mit 94 Milliarden Euro auf die stationäre Versorgung. Für Arzneimittel wurden 50,2 Milliarden Euro ausgegeben, für die ambulante Versorgung 47,1 Milliarden Euro. Hinzu kamen 23,2 Milliarden Euro für Heil- und Hilfsmittel.

Entwicklung der Gesundheitsausgaben

Jahr Gesamtausgaben in Mrd. € Pro Einwohner in € Anteil am BIP in %
2007 256,9 3172 10,3
2012 304,4 3785 11,1
2017 376,7 4557 11,5
2022 497,7 5939 12,8

Die jährlichen Steigerungsraten belasten das gesamte System. Oliver Blatt vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen betont, dass Überschüsse nur ausreichen, um Mindestreserven wieder aufzufüllen. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will die Entwicklung eng begleiten.

Pflegekosten belasten Familien unterschiedlich

Auch die Pflege stellt eine erhebliche finanzielle Herausforderung dar. Im Januar 2025 betrugen die monatlichen Eigenanteile im ersten Jahr durchschnittlich 2984 Euro. Ab dem vierten Jahr sinkt der Wert auf 1928 Euro.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß. In Bremen zahlen Bewohner im ersten Jahr 3456 Euro monatlich, ab dem vierten Jahr 2218 Euro. In Sachsen-Anhalt liegt der Betrag bei 2443 Euro, ab dem vierten Jahr sogar nur bei 1498 Euro.

Pflegekosten im Überblick (Stand Januar 2025)

  1. Bremen – 3456 € im ersten Jahr, 2218 € ab dem vierten Jahr
  2. Saarland – 3380 €, 2215 €
  3. Nordrhein-Westfalen – 3312 €, 2295 €
  4. Baden-Württemberg – 3237 €, 2018 €
  5. Rheinland-Pfalz – 3003 €, 2090 €
  6. Bayern – 2994 €, 1824 €
  7. Berlin – 2975 €, 1760 €
  8. Hessen – 2950 €, 1881 €
  9. Hamburg – 2942 €, 1960 €
  10. Thüringen – 2796 €, 1759 €
  11. Schleswig-Holstein – 2778 €, 1882 €
  12. Sachsen – 2720 €, 1680 €
  13. Brandenburg – 2683 €, 1636 €
  14. Mecklenburg-Vorpommern – 2657 €, 1619 €
  15. Niedersachsen – 2639 €, 1713 €
  16. Sachsen-Anhalt – 2443 €, 1498 €

Die Spannweite reicht damit von knapp 1500 Euro bis über 2200 Euro ab dem vierten Jahr. Diese Unterschiede wirken sich direkt auf die finanzielle Lage der Familien aus.

Gesundheitsvorsorge in Europa

Im europäischen Vergleich nimmt Deutschland bei den Ausgaben für Vorsorge eine Spitzenposition ein. Im Jahr 2022 entfielen 458 Euro pro Einwohner auf präventive Maßnahmen. Das entspricht 7,9 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Österreich folgte mit 411 Euro, die Niederlande mit 312 Euro.

Deutlich niedriger sind die Werte in Osteuropa. Rumänien investierte 24 Euro pro Kopf, Polen 22 Euro.

Ausgaben für Vorsorge (2022)

Land Pro Einwohner in € Anteil an den Gesamtausgaben in %
Deutschland 458 7,9
Österreich 411 7,4
Niederlande 312 5,7
Dänemark 304 5,0
Luxemburg 300 5,4
Finnland 298 6,2
Irland 279 4,7
Schweden 263 4,3
Frankreich 186 3,6
Italien 180 6,0
Rumänien 24 2,8
Polen 22 1,9

Deutschland liegt damit klar vor vielen EU-Staaten, dennoch sehen Experten Schwächen.

Experten kritisieren Strukturen

Forscher wie Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut in Bremen weisen auf ein strukturelles Problem hin. Deutschland konzentriert sich stark auf die Behandlung von Krankheiten, während Prävention zu wenig Beachtung findet.

Drei Hauptpunkte werden genannt:

  • Es fehlt eine zentrale Steuerung von Public-Health-Maßnahmen.
  • Der Anteil der Prävention bleibt gering, Reparaturmedizin dominiert.
  • Wirtschaftliche Interessen verhindern strengere Regeln für Ernährung, Tabak und Alkohol.

Auch Ansgar Gerhardus von der Universität Bremen sieht Defizite in der föderalen Organisation. Daten würden oft unkoordiniert erhoben und seien nicht ausreichend nutzbar. Besonders in der Pandemie wurde dieses Problem deutlich.

Reformvorschläge für mehr Vorsorge

Wissenschaftler fordern mehrere Schritte, um das System zu verändern:

  1. Entwicklung einer klaren Vision für Public Health.
  2. Einführung einer nationalen Strategie mit systematischer Ausrichtung.
  3. Stärkere Einbindung von Bildung, Arbeit und Umwelt in die Prävention.
  4. Konsequente Regulierung wirtschaftlicher Interessen bei ungesunden Produkten.

Die Experten betonen, dass Deutschland ohne tiefgreifende Reformen in einer Kostenspirale bleibt. Die hohen Ausgaben sind langfristig weder gesundheitspolitisch noch wirtschaftlich tragbar.

 Quelle: Stuttgarter Zeitung, YouTube